JAZZING LIFE
„All My Tomorrows“ erkundet Lebenswirklichkeiten zwischen Jugend und Alter.
Was wäre das Leben als Tanz? Dieser Frage geht das „Theater der Migranten“ unter der Regie und Choreografie von Olek Witt und Daniela Lehmann in seiner zweiten großen Produktion nach. Das Ensemble der tänzerischen Episodenreihe „All My Tomorrows“ kommt aus Deutschland und Polen. Es sind Profis darunter und Laien - im Leben wie auch auf der Bühne.
Entstanden ist die Idee für das europäische Theaterprojekt aus einem Stapel alter Briefe. Auf der Bühne entwickelt sich daraus etwas Neues, Junges. Die Darsteller erzählen und tanzen über Herausforderung und Werden, Erfüllung oder Versagung, Verlust und Verletzlichkeit. In der künstlerischen Umsetzung wird jedoch auch das Wunderbare offenbart, das alle Lebensalter eint: Die Jugend der eigenen Träume, die Kraft des Glaubens an eine Zukunft, die Lebendigkeit der Liebe zu wichtigen Dingen wie der Musik - die Leidenschaft für den Jazz.
„All My Tomorrows“ ist eine mutige Exkursion in selten erkundete und gefürchtete Gefilde, auf schwer begehbarem Terrain. Das „Theater der Migranten“ spannt dabei einen weiten und abwechslungsreichen Bogen, der eine Brücke werden könnte in neue Bereiche der Theaterarbeit.
M.C. Schaper - 30. September 2010
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Das Stück hat einfach Spaß gemacht. Ich gehe ja nicht so oft ins Theater, weil mir das so rationell und verkopft vorkommt, die Inhaltsübertragung. Aber hier wurde mir so einfach die Verbindung gegeben zwischen den Generationen, zwischen den verschiedenen Du`s und Ich`s aus anderen Länder-Räumen und Zeiten.
Ein auf zwei Beinen laufender Kontrabass - wie freundlich. Überhaupt, die schwingende Musik. Moderner Tanz, so vielfältig. Am Schluss habe ich sogar selbst getanzt. Merkwürdige Spracheinlagen auf polnisch. Irgendwie anders und kurzweilig. Einfach und menschlich, das tat mir gut.
Dzękuje und do widzenja.
Christoph Keller
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Leidenschaftlich musizieren die Alten und offenbaren mit ihren Instrumenten ihr Lebenselixir. Die Jungen lassen sie tanzen und alle finden im Stück zueinander, mit oder ohne Worte - wunderbar, solche Harmonie zwischen Generationen und Nationen zu erleben.
Katrin Siebel
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In der Ankündigung konnte ich von einem Stapel Korrespondenzen aus einem Altersheim lesen. Das weckte die Erwartung, aus dem dort Gefundenem „verdichtete“ Lebenszeugnisse in Form von Dialogen zwischen den Generationen zu erleben. Am Abend der Aufführung „statt dessen“ Lebenszeugnisse von Musikern einer „Rentner-Band“, sowie aus Biografien älterer Frauen. Jeweils authentisch von den Betroffenen dargestellt. In Dialog, Monolog, Bewegung.
Das Stück hat mich berührt. Auch beeindruckt. Weil es „in Bewegung“ setzt, Inhalte „in Bewegung“ bringt, zum Nachdenken einlädt. Authentische Zeugnisse von Leben, von Jung und Alt einfließen lässt. Weil Darsteller in Tanz und Bewegung Begegnung beschreiben. Weil es Jung und Alt zusammen bringt, deren Wege sich kreuzen lässt, mit Distanz und Nähe spielt. Sinnerfüllung beschreibt, unabhängig vom Alter. Weil es Vergangenheit als zu Bewahrendes, auch als Belastendes, darstellt. Zukunft vermittelt, auch im fortgeschrittenen Alter. Erfülltes Leben. Die Lebenserinnerungen der Bandmitglieder, und damit verbunden die schrittweise Zusammenstellung der Instrumente und Musiker, beginnen lyrisch, auch symbolhaft. Also verdichtet, verallgemeinert.
Die Idee, das Reflektieren des Älterwerdens am Ensemble der Band zu verdeutlichen, fand ich originell, methodisch interessant und letztlich auch tragend. Interessiert hätte mich das Abweichen vom Modell „Band“ zugunsten anderer älterer Mitspielerinnen. Den Dialog der Generationen habe ich in erster Linie im (Ausdrucks-)Tanz erlebt. Bilder, die durchaus an-sprechend waren. Das schrittweise Zusammenfinden der Band, die zunehmende Spielfreude bis hin zum finalen jazzigen „Happening“ unter Einbeziehung auch der Zuschauer brachte den Dialog der Generationen, die Alt-Jung-Begegnung zu einem optimistischen, heiteren Schluss. Und zur Einladung an alle der Anwesenden, den Dialog der Generationen spielerisch, verbal und nonverbal fortzusetzen. Eine gelungene Inszenierung!
Andreas Kuhnert - 15.9.10
Gedanken der jungen DarstellerInnen zum Alter:
Alter ist die Grenze zwischen Leben und Tod. - Jacek
Jung sein heißt keine Angst haben. - Niko
To be young is a state of mind: not being closed. - Rafał
Alter ist etwas Schönes, eine Zeit der Konzentration, der Erinnerungen, des Nachdenkens über das eigene Leben, des Teilens von Erfahrungen. - Agata
Being young means development, having goals - being old the opposite. - Mateusz
I saw an old man dancing at Clärchens Ballhaus. That was pure joy, he was not caring about the others, just about what really matters. That is younger than many young ones, it's something spiritual. - Maciek
Altsein ist die Grenze der Möglichkeiten, eine Blockade, eine Behinderung. Sie betrifft Körper und Geist und kann einen in jedem Alter treffen. - Patrycja
Jungsein bedeutet Energie haben, auch unschuldig sein. Schön, wenn man das mit Wissen und Erfahrung kombinieren könnte. Wenn man jung ist, ist noch alles möglich. Ich hoffe, das bleibt immer so. - Manou
Wenn ich ehrlich bin, hab ich Angst vorm Altwerden, weil ich gern mein ganzes Leben lang selbständig bleiben möchte. - Jagoda
Ich habe ehrenamtlich in einem Altersheim gearbeitet. Wir brauchen ältere Menschen - ihr Wissen und ihre Erfahrung können uns nützen. Junge Menschen wissen das nicht zu schätzen. - Paulina
Jugend ist eine Weltneugierde. Der Drang zu handeln, danach, Glück mit anderen zu teilen. - Adam
... und zur Inszenierung und zum Prozess:
Das Stück lebt von unserer Menschlichkeit, von unseren visualisierten Erinnerungen, vom gemeinsamen Warten auf das, was noch kommen kann.
Die letzte Szene ist für mich die emotional stärkste im ganzen Stück. Ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben durfte.
Wenn wir zusammen mit den Alten auf dem Boden liegen, ihre Köpfe und Hände, ihre Seelen mit unseren verbunden,
dann spüre ich jedes Mal ein wenig von ihrer ewigen Ruhe, die sie schon - stärker als wir - in
sich tragen und fühle mich seltsam berührt.
Das kann man nicht beschreiben. Es ist schön und beängstigend zugleich.
Das ganze Stück handelt doch vom Teilen der eigenen Lebendigkeit, vom Leben in all seinen bunten und dunklen Farben.
Wir Jungen teilen mit den Alten unsere Lebensenergie und sie die ihre mit uns.
Dann aber kommt plötzlich das Ende.
Das Stück nimmt eine starke Wendung.
Es breitet sich eine ruhige und geborgene Atmosphäre aus,
so wie in den Schlüsselmomenten der Inszenierung,
in denen wir gewaschen werden.
Nur mit dem Unterschied, dass es kein Alt und Jung der Körper mehr zu sehen gibt, kein Geben und
Nehmen, kein Helfen und sich helfen lassen, sondern einfach nur reines Sein.
Am Ende liegt EINE verschmolzene Körpermasse auf dem Boden, im sanften, schimmernden Licht.
Gemeinsam sind wir alle eins.
Ein Körper, der vielleicht auf den Tod wartet.
Ein Körper, der sich nicht mehr bewegen will, der nur noch lauscht und fühlt.
Ein Körper, bestehend vielleicht auch aus all denen, die am Anfang einsam auf ihrem viereckigen Podest, auf kleinem Raum gefangen,
in einer niedrigen Energieflamme,
in ihrer emotionslosen Leere sitzen.
Einmal hat es sich in der Endszene so angefühlt,
als wären wir eine einzige schwebende Seele, welche die Wärme von allen verbundenen Körpern in sich vereint zu einem starken Feuer.
Wie schön, wenn so oder so ähnlich der Tod sein könnte.
Wie schön, wenn so das Leben ist.
Die Wärme aller Menschen in sich tragen.
Joanna
Fotos: Bernd Banaski
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