Alles nur Show?
von Christiane Hütter
Es ist ein ganz normaler Donnerstag Abend. Wir befinden uns an der Ecke
Reuterstraße/ Lenaustraße, Berlin Neukölln. Doch, plötzlich-
Ein Mann geht japsend in die Knie. Verzweifelt ringt er um Atem. Sein
Oberkörper sinkt langsam auf die Bürgersteigplatten. Bewegungslos bleibt er auf
dem Asphalt liegen.
Passanten bleiben stehen. Jemand versucht eine Wiederbelebung. Jemand
anders weint. Doch es nützt alles nichts- schließlich wird das Gesicht des Toten
zugedeckt.
Einige Augenblicke später springt der Tote quietschfidel wieder auf.
Alles nur Show?
Genau. Theater. Reuterkieztheater. Eine kleine spontane Straßenperformance
vor dem Waschsalon.
Es ist 21.30 Uhr. Für heute ist die Probe beendet. Jeden Donnerstag trifft sich die
Gruppe um 18.30 Uhr im Mittenmang, Lenaustraße zum Improvisieren,
Schauspieltraining und Spielen. Momentan gibt es rund ein Dutzend feste
Mitspieler: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, italienisch-spanisch-argentinischtürkisch-
griechisch-irakisch-polnisch-deutsch, in ganz unterschiedlichen
Lebenssituationen.
Es ist vor allem die Mischung, die die Gruppe so besonders macht.
Jeder ist willkommen. Unter organisatorischer und künstlerischer Leitung von
Olek Witt (Theater der Migranten) und Judith Evers kann sich jeder auf seine
Weise einbringen. Finanziert wird das Projekt im Rahmen des Programms
„Zukunft im Stadtteil“ Teilprogramm „Soziale Stadt“. Für die Teilnehmenden aus
dem Reuterkiez ist es kostenlos.
Der nächste große Auftritt findet im Rahmen des 48h-Neukölln-Festivals am 26.
Juni statt. An verschiedenen Orten auf der Lenaustraße ein episodisches
Theaterstück mit Finale auf dem Dach der Stadtmission aufgeführt- ein Stück,
das im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht „vorgeschrieben“ ist, sondern erst
wachsen muss. Die Darsteller sind gleichzeitig auch Autoren: Aus ihren eigenen
Beobachtungen und Ideen an den verschiedenen Orten, wie beispielsweise einer
Bäckerei, einem Friseurladen oder einer Privatwohnung soll, entsteht ein Stück,
in dem die soziale Realität des Reuterkiezes dargestellt wird.
Wichtig ist dabei, genau hinzusehen, wahrzunehmen und vielleicht auch mal
neue, normalerweise verborgene Sichtweisen zu entdecken. Was passiert um uns
herum? Wer sind die Menschen im Kiez? Welche Gemeinsamkeiten haben sie,
abgesehen von der Postleitzahl? Was trennt sie voneinander?
Alltägliche Beobachtungen beeinflussen das Theatermachen und umgekehrt.
„Man braucht nicht immer Provokation“, erklärt Olek Witt in der
Nachbesprechung der Straßenperformance. „Manchmal muss man erst mit einem
Stuhl auf der Straße sitzen und beobachten. Langsam sein. Auf kleine Dinge
achten. Das wirkt dann auch viel ungewöhnlicher.“
Es ist eben nicht alles „nur Show“. Worte wie diese sind zum Mitnehmen
gedacht, in den Alltag, in den Kiez, in die Welt. Schaut genau hin! Gestaltet mit!
Und, ganz wichtig, obwohl oder gerade weil die Menschen, auch hier im
Reuterkiez, so unterschiedlich sind: Lachen verbindet immer.
Wer Lust hat, die Reuterkieztheater-Gruppe und ihre Mitglieder einmal
kennenzulernen, ist herzlich eingeladen, Donnerstags abends um 18.30 im
Mittenmang (Lenaustraße 12-13) vorbeizuschauen, um zuzugucken oder
vielleicht sogar mitzumachen.
Kontakt: www.migranten-projekt.de, info@migranten-projekt.de
Auftritte: 26. Juni, 21 Uhr, Stadtmission Lenaustraße 4
04. Juli, 21 Uhr, Stadtmission Lenaustraße 4